Jeder will die Knete, keiner den Konflikt

04/2016

Sauber soll er sein – Strom, der Saft des modernen Lebens. Vermessen ist unser Anspruch, wie er zu gewinnen ist: Wir wollen alles. Alles, was nicht stinkt und auch nicht raucht, was keine Altlasten produziert und keine Endlager braucht – und schon gar nicht, was die Landschaft verspargelt, die Flüsse einengt oder die Erde erschüttert. Aber fließen soll er ohne Unterlass rund um die Uhr, der „gute“, unser Umweltgewissen beruhigende Strom aus der Steckdose, damit unser Leben und unsere Wirtschaft laufen. Nur: Woher nehmen, wenn alle Ideen, ihn zu erzeugen, an unseren hehren Kriterien scheitern? Klare Konsequenz: Wir verzichten auf Geräte, die Strom fressen. Geht nicht. Dann nämlich fiele unser Leben von heute auf morgen aus. In der Ära nach Tschernobyl und Fukushima spricht keiner mehr von Atomkraftwerken, deren Technik vor Jahrzehnten mit Milliarden Steuergeldern entwickelt wurde. Alles vorbei. Die Kraft der Sonne und vor allem des Windes nutzen – das ist seit Jahren die Parole. Und wieder mahnt unser Umweltgewissen: nicht verspargeln, keine Bäume fällen, auf die Rotoren verzichten. Ständig fordern wir die saubere Stromerzeugung. Aber: nicht in unserem Wald, nicht auf unseren Höhen, nicht so nah an unserem Dorf. Am besten ganz weit weg, irgendwo im Nirgendwo. Das ist die wahre Krux der Windkraft: Ihr Konzept impliziert den stressigen Streit über die Standorte, weil alle die Folgen scheuen. Und so erleben wir landauf, landab: Jeder will die Knete, aber keiner den Konflikt. (Aus dem Öffentlichen Anzeiger)